Loslassen
„Lass los!“
„Gib es aus der Hand!“
„Nicht mehr deine Verantwortung!“
Solche Sätze habe ich oft gehört. Und manchmal fällt es mir tatsächlich leicht, ihnen zu folgen. Ich treffe eine Entscheidung, gebe etwas ab und merke: Das passt.
Aber eben nicht immer.
Manches bleibt, obwohl die Situation längst vorbei ist. Ich merke es daran, dass Gedanken zurückkommen, dass ich davon träume oder dass ich eine Geschichte immer wieder erzähle. Nicht, weil ich sie so spannend finde, sondern weil sie offenbar noch etwas in mir bewegt.
Dann bemerke ich: Ich kann da etwas noch nicht loslassen.
So begann ich mich zu fragen, was dieses „Loslassen“ eigentlich genau bedeutet.
Los und Lassen
Wenn ich das Wort auseinandernehme, entstehen für mich zwei unterschiedliche Bewegungen.
„Los“ hat etwas Aktives. Ich löse einen Knoten. Ich löse etwas voneinander. Ich trenne eine Verbindung. Da geschieht etwas durch mein Tun.
„Lassen“ klingt für mich anders. Etwas sein lassen. Etwas geschehen lassen. Vielleicht auch einmal nicht eingreifen.
Gerade dieser zweite Teil beschäftigt mich. Denn manchmal entsteht in mir sofort der Wunsch, etwas zu lösen, zu verstehen oder zu verändern. Doch vielleicht gibt es Situationen, in denen genau dieses Tun gar nicht gefragt ist.
Der daoistische Gedanke des Wu wei kommt mir dabei in den Sinn. Ich verstehe ihn nicht als einfaches Nichtstun. Eher als die Frage: Was braucht es hier wirklich von mir? Muss ich eingreifen? Oder wäre es vielleicht stimmiger, etwas wahrzunehmen und zunächst sein zu lassen?
Vielleicht liegt darin schon ein kleiner Widerspruch. Wir sprechen vom Loslassen oft so, als wäre es eine Aufgabe.
Ich muss loslassen.
Ich sollte endlich darüber hinweg sein.
Jetzt ist aber genug.
Gerade so, als könnte ich das Loslassen mit einer Handlung erzwingen.
Vielleicht darf es manchmal viel unspektakulärer beginnen: mit dem Wahrnehmen.
Da ist etwas, das ich noch festhalte.
Verantwortung loslassen
Als ich nach 15 Jahren mein Unternehmen übergeben habe, musste ich vieles loslassen. Das begann allerdings lange vor meinem letzten Arbeitstag.
Etwa 15 Monate vor meinem Ausscheiden stellte ich fest, dass ich als Gründer mehr operative Rollen innehatte als die vier weiteren Mitglieder unserer Unternehmensführung zusammen. Das war für mich nachvollziehbar, denn viele Themen hatten sich über Jahre bei mir angesammelt. Aber mir war ebenfalls klar: Wenn das Unternehmen nach mir gut weiterbestehen soll, dürfen Wissen, Verantwortung und Entscheidungsmacht nicht dauerhaft an meiner Person hängen.
Also begann ich, meine Rollen bewusst zu übergeben.
Wer entscheidet künftig was? Wo liegt welche Verantwortung und wer trägt sie? Wo werde ich als Wissensträger noch gebraucht und wo eigentlich schon lange nicht mehr?
Acht Monate vor meinem Ausscheiden hatte ich keine aktive operative Rolle mehr im Unternehmen.
Interessanterweise fiel mir dieses Loslassen relativ leicht. Wenn Verantwortung klar übergeben war, konnte ich darauf vertrauen, dass jemand anderes sie trägt. Ich hatte nicht den Wunsch, weiterhin überall einzugreifen oder Entscheidungen zu kontrollieren.
Vielleicht war dieses Loslassen deshalb vergleichsweise einfach, weil es konkret war. Eine Rolle lässt sich beschreiben. Eine Verantwortung lässt sich übertragen. Eine Entscheidung kann jemand anderes übernehmen.
Aber nicht alles im Leben lässt sich so sauber übergeben.
Wenn niemand mehr fragt
Nach vielen Jahren als Unternehmer kommt irgendwann ein merkwürdiger Moment.
Es kommt der Tag, an dem niemand mehr anruft. Niemand braucht mehr mein Wissen. Entscheidungen werden ohne meine Einschätzung getroffen. Niemand fragt nach oder möchte wissen, wie ich ein Problem lösen würde.
Eigentlich ist genau das der Beweis dafür, dass die Übergabe funktioniert hat.
Und trotzdem geschieht dabei noch etwas anderes.
Über viele Jahre war ich Gründer, Geschäftsführer, Ansprechpartner und für viele Themen Kompetenzträger. Diese Rollen waren nicht mein ganzes Leben, aber sie waren ein großer Teil davon.
Und plötzlich braucht das Unternehmen mich nicht mehr.
Da entsteht eine andere Frage. Nicht mehr: Habe ich meine Verantwortung gut übergeben? Sondern eher:
Wer bin ich eigentlich, wenn diese Rollen alle wegfällt?
Das lässt sich nicht mit einem Organigramm beantworten.
Vielleicht ist das eine andere Form des Loslassens. Nicht mehr die Aufgabe oder Verantwortung loslassen, sondern ein Bild, das ich über viele Jahre von mir selbst aufgebaut hatte.
Manche Dinge bleiben länger
Und dann gibt es noch etwas anderes.
In 15 Jahren Unternehmen entstehen nicht nur Erfolge, Entscheidungen und schöne Erinnerungen. Es gibt auch Konflikte, Enttäuschungen und Verletzungen.
Mit meinem Ausscheiden waren diese nicht automatisch verschwunden.
Ich konnte meine Rolle abgeben. Ich konnte meine Verantwortung übergeben. Aber ich konnte nicht entscheiden, dass mich eine Verletzung ab morgen nicht mehr berührt.
Das finde ich inzwischen wichtig.
Etwas kann äußerlich längst vorbei sein und innerlich trotzdem noch weiterwirken.
Vielleicht zeigt es sich in einem Traum. Vielleicht in einem Gedanken, der plötzlich wieder auftaucht. Oder darin, dass ich eine bestimmte Geschichte erneut erzähle und dabei merke, wie viel Energie noch darin steckt.
Dann hilft mir der Satz „Du musst einfach loslassen“ nicht wirklich weiter.
Vielleicht macht er es sogar schwieriger. Denn nun ist da nicht nur die Verletzung, sondern zusätzlich die Vorstellung, ich müsste eigentlich schon viel weiter sein.
Anhaftung
Im Buddhismus begegnet uns der Gedanke der Anhaftung.
Ich verstehe ihn für mich nicht als Aufforderung, möglichst ungebunden durch das Leben zu gehen oder alles, was mir wichtig ist, hinter mir zu lassen.
Mich interessiert vielmehr das Gewahrwerden.
Zu bemerken: Hier halte ich fest.
Vielleicht an einem Menschen. Vielleicht an einer Erfahrung. Vielleicht an einer Vorstellung davon, wie etwas hätte verlaufen sollen. Oder an einem Bild von mir selbst.
Und vielleicht muss ich dieses Festhalten zunächst gar nicht verändern.
Vielleicht darf ich es erst einmal sehen.
Ohne es sofort zu bewerten.
Eine Erfahrung muss für mich nicht bedeutungslos werden, damit ich sie irgendwann loslassen kann. Etwas darf wichtig gewesen sein. Eine Beziehung darf mich geprägt haben. Eine Verletzung darf Spuren hinterlassen haben.
Die Frage ist für mich eher, ob diese Erfahrung auch weiterhin bestimmen muss, wer ich heute bin.
Darauf habe ich keine allgemeine Antwort.
Aber die Frage verändert etwas.
Darf ich immer loslassen?
Je länger ich über Loslassen nachdenke, desto weniger glaube ich, dass es immer die richtige Antwort ist.
Denn was ist, wenn ich tatsächlich noch Verantwortung trage?
Was ist, wenn ein anderer Mensch auf mich angewiesen ist? Wenn ich ein Versprechen gegeben habe? Wenn eine Aufgabe wirklich zu mir gehört?
Dann kann „Loslassen“ vielleicht sogar eine elegante Beschreibung dafür werden, sich einer Verantwortung zu entziehen.
Manchmal besteht Reife möglicherweise gerade darin, nicht loszulassen. Zu bleiben. Ein schwieriges Gespräch zu führen. Verantwortung auszuhalten. Etwas zu Ende zu bringen.
Deshalb beschäftigt mich inzwischen weniger die Frage:
Wie kann ich endlich loslassen?
Mich interessiert vielmehr:
Was gehört noch zu mir?
Und was halte ich nur deshalb fest, weil ich es gewohnt bin?
Was braucht mein Handeln?
Und was braucht vielleicht gar kein weiteres Handeln mehr, sondern lediglich meine Aufmerksamkeit?
Ich merke, dass ich diese Fragen nicht für alle Situationen beantworten kann. Vielleicht ist genau das ein Teil davon.
Freie Hände
Für mich ist irgendwann ein einfaches Bild entstanden.
Die Hände.
Wenn meine Hände etwas festhalten, sind sie damit beschäftigt. Vielleicht halten sie etwas Wertvolles. Vielleicht etwas Vertrautes. Vielleicht auch etwas, das längst schwer geworden ist.
Ich muss es deshalb nicht wegwerfen.
Ich muss auch nicht so tun, als hätte es keine Bedeutung gehabt.
Vielleicht bedeutet Loslassen manchmal einfach, dass sich die Hand langsam öffnet.
Was gewesen ist, darf gewesen sein. Was mich geprägt hat, darf Teil meiner Geschichte bleiben.
Und irgendwann kann die Hand wieder frei sein.
Nicht unbedingt, damit ich sofort nach etwas Neuem greife.
Sondern einfach für das, was das Leben als Nächstes mit sich bringt.
Ich lasse los und meine Hände werden frei für das Leben.
