Verantwortung
„Wer trägt hierfür die Verantwortung?“
Diese Frage fällt schnell, wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft früh aus einem Turnier ausscheidet. Sie fällt schnell, wenn etwas schiefgelaufen ist. In der Politik, in Unternehmen, im privaten Leben. Eigentlich überall dort, wo Menschen gemeinsam etwas tun und das Ergebnis anders ausfällt als erwartet.
Die häufige Frage dahinter ist oft:
„Wer trägt hier die Schuld?“
Gefolgt von der Selbsterkenntnis:
„Zum Glück – nicht ich.“
Mich beschäftigt Verantwortung schon lange. Im mittleren Management erlebte ich viel Verantwortung mit wenig Handlungsspielraum. Jahre später als Unternehmer habe ich das Thema Verantwortung im Unternehmenskontext für alle Teams verankert.
Aber bevor es dazu kam, erschien mir der Begriff Verantwortung nicht eindeutig genug, denn jede:r verstand darunter etwas anders.
Was bedeutet es eigentlich, Verantwortung zu tragen?
Eine Fähigkeit?
Ich bin bei meiner Suche zunächst über eine Definition auf Wikipedia gestolpert:
Verantwortung ist vorrangig die Fähigkeit, das eigene Können und die möglichen Folgen von Entscheidungen einzuschätzen und so zu handeln, dass die erwarteten Ziele mit größter Wahrscheinlichkeit erreicht werden.
An dieser Formulierung blieb ich hängen.
Wenn Verantwortung eine Fähigkeit ist, dann ist sie offenbar nicht einfach gegeben. Dann braucht es Voraussetzungen.
Dazu gehört, dass ich mich selbst einigermaßen einschätzen kann. Ich brauche eine Vorstellung davon, welche Folgen eine Entscheidung haben könnte. Ich sollte die Möglichkeit haben, zwischen verschiedenen Wegen zu wählen. Ich sollte mir auch über die zu erwartenden Ziele im Klaren sein. Und anschließend muss ich handeln können.
Schon hier entstehen für mich Fragen.
Wie gut kann ich die Folgen einer Entscheidung überhaupt vorhersehen?
Wie viel Wissen brauche ich dafür?
Und was passiert, wenn ich nach bestem Wissen und Gewissen entscheide und trotzdem etwas völlig anderes geschieht als erwartet?
Bin ich dann für das Ergebnis verantwortlich?
Oder bin ich zunächst dafür verantwortlich, wie ich zu meiner Entscheidung gekommen bin?
Antwort geben können
Eine Entscheidung zielt also auf ein erwartetes Ergebnis. Nur tritt dieses Ergebnis eben nicht immer ein. Genau hier bekommt Verantwortung für mich noch eine zweite Bedeutung: Antwort geben können.
Warum habe ich so entschieden?
Was wusste ich zu diesem Zeitpunkt und welche Annahmen hatte ich getroffen?
Welche Alternativen habe ich gesehen und wie habe ich sie abgewogen?
Welche Folgen konnte ich absehen?
Und vielleicht auch:
Was habe ich übersehen?
Das gefällt mir besser als ein Verständnis von Verantwortung, das erst dann auftaucht, wenn etwas schiefgegangen ist.
Denn Verantwortung beginnt für mich nicht beim Scheitern.
Sie beginnt mit einer Entscheidung.
Verantwortung, die gar nicht meine war
Wenn ich auf mein eigenes Leben schaue, merke ich allerdings, dass Verantwortung keineswegs immer dort landet, wo ich sie heute sehen würde.
Als Kind habe ich Verantwortung für Dinge übernommen, die eigentlich bei Erwachsenen lagen. Aber damals habe ich das nicht so genannt. Ich wollte gefallen; ich wollte nicht ausgeschlossen werden. Ich wollte Sicherheit und habe einfach versucht, Situationen zu verstehen, Spannungen auszugleichen oder etwas in Ordnung zu bringen.
Heute kann ich erkennen:
Das war gar nicht in meiner Verantwortung.
Und auch das Gegenteil kenne ich.
Es gab Situationen, in denen ich mich als Opfer der Umstände gesehen habe. Dann habe ich andere verantwortlich gemacht. Für meine Situation. Für meine Fehler. Für meinen Mangel. Irgendetwas außerhalb von mir.
Das kann sich sehr entlastend anfühlen. Nur bleibt dabei leicht etwas auf der Strecke:
Mein eigener Handlungsspielraum. Ich spreche ihn mir ab – und bin damit raus aus der Verantwortung für mich selbst.
Vielleicht besteht ein Teil von Verantwortung deshalb darin, immer wieder zu unterscheiden:
Was gehört tatsächlich zu mir?
Und was gehört zu jemand anderem?
Wer entscheidet eigentlich?
Diese Frage wurde für mich besonders interessant, als ich über Verantwortung in Unternehmen nachdachte.
Dort wirkt die Sprache oft eindeutiger: Verantwortung wird übertragen. Mitarbeitende werden „empowert“. Entscheidungen werden delegiert.
Auf dem Papier klingt das für viele Organisationen vernünftig. Es ist das Elixier, das auch größere Organisationen im Kleinen handlungsfähig machen soll.
Im mittleren Management eines multinationalen Konzerns fragte ich mich, wie viel davon tatsächlich echte Entscheidungsfreiheit ist.
Was passierte, wenn ich eine Entscheidung traf, die meinem Vorgesetzten nicht gefiel?
Blieb meine Entscheidungsfreiheit bestehen? Oder wurde sie aus Gründen, die ich nicht immer überblicken konnte, wieder zurückgenommen?
Dann entsteht für mich eine merkwürdige Situation: Ich darf entscheiden – solange ich so entscheide, wie mein Vorgesetzter es selbst getan hätte.
Aber ist das tatsächlich meine eigene Entscheidung?
Oder lerne ich als Mitarbeiter vielmehr, die Entscheidung meines Vorgesetzten möglichst gut vorwegzunehmen?
Wem gehört eine Entscheidung?
Dieser Gedanke beschäftigte mich. Wo liegt die Eigentümerschaft dieser Entscheidung – und wie ist sie ggf. verteilt?
Für mich liegt sie nicht automatisch bei demjenigen, der sie formal ausspricht.
Einer meiner Kollegen sagte zu mir:
„Akzeptiere kein ‚Nein‘ eines Menschen, der dir kein ‚Ja‘ geben kann.“
Für mich kann die Eigentümerschaft einer Entscheidung nur dort liegen, wo tatsächlich zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten gewählt und anschließend auch entsprechend gehandelt werden darf. Sie kann bei einer Person liegen – oder gemeinsam bei mehreren.
Als ich Verantwortung in unserem Unternehmen auf Teamebene verankert hatte, kam von einigen Mitarbeitenden sofort die Rückfrage:
„Ja, was darf ich denn nun entscheiden? Habe ich nun ein Budget, über das ich verfügen kann? Welche Freiheit habe ich denn nun?“
Natürlich bedeutet das keine grenzenlose Freiheit. Denn jede Entscheidung findet innerhalb eines Rahmens statt. Dies können z.B. Gesetze, Budgets, Ziele oder Vereinbarungen sein. In Unternehmen gibt es oft Richtlinien und manchmal auch gemeinsam vereinbarte Prinzipien.
Entscheidend erscheint mir etwas anderes, vor allem für Unternehmen:
Ist dieser Rahmen vorher für diejenigen klar, die ihn definieren – ebenso wie für diejenigen, die darin entscheiden und handeln?
Verantwortung ohne Macht?
Damit komme ich zu einer Frage, die ich inzwischen für wesentlich halte:
Kann ich Verantwortung tragen,
wenn ich gar keinen wirklichen Handlungsspielraum habe?
Vielleicht können wir drei Dinge unterscheiden.
Wer darf entscheiden?
Wer darf handeln?
Und wer muss anschließend für die Folgen einstehen?
Im Idealfall liegen Entscheidungsrecht, Handlungsmöglichkeit und Verantwortung im selben Verantwortungsbereich.
In der Realität tun sie das oft nicht.
Dann soll jemand ein Ergebnis verantworten, obwohl wesentliche Entscheidungen anderswo getroffen wurden.
Oder jemand darf entscheiden, besitzt aber nicht die Mittel, die Entscheidung umzusetzen.
Oder die Verantwortung liegt offiziell bei einer Person, während eine andere jederzeit eingreifen kann.
Dann frage ich mich, ob wir tatsächlich von Verantwortung sprechen.
Oder eher von Zurechnung.
Verantwortung braucht Handlungsspielraum
Handlungsspielraum bedeutet für mich dabei nicht grenzenlose Freiheit. Verantwortung beinhaltet auch Pflichten. Wenn ein Team Verantwortung für einen Bereich übernimmt, übernimmt es damit auch Pflichten – also Aufgaben und Zusagen, für deren verlässliche Erfüllung es einsteht. Die Freiheit liegt für mich darin, innerhalb des vereinbarten Rahmens selbst entscheiden zu können, wie es diesen Pflichten nachkommt.
Vielleicht gehören Pflicht und Freiheit deshalb bei Verantwortung zusammen: Die Pflicht beschreibt, was innerhalb meiner Verantwortung verlässlich zu leisten ist. Die Freiheit ermöglicht mir zu entscheiden, wie ich dieser Pflicht nachkomme.
Fehlt dieser Handlungsspielraum, kann leicht etwas entstehen, das nur wie Verantwortung aussieht. In meinem Unternehmen durfte jedes Team im Rahmen seiner Verantwortung und seiner Pflichten entscheiden und handeln – und Antwort stehen.
Zu einer Entscheidung gehörte für mich deshalb auch, das eigene Können und mögliche Folgen abzuschätzen. Dazu gehört, sich des eigenen Nichtwissens bewusst zu sein und kompetente Menschen hinzuzuziehen – zunächst innerhalb, wenn nötig auch außerhalb des Unternehmens. Erst auf einer ausreichenden Entscheidungsgrundlage lässt sich entscheiden, handeln und später auch Antwort geben.
So klar mir dieses Verständnis von Verantwortung im eigenen Unternehmen irgendwann erschien, so klar wurde mir auch:
Andere Menschen – anderes Verständnis
Andere Menschen müssen unter Verantwortung keineswegs dasselbe verstehen. Vielleicht wird das Thema auch deshalb oft so emotional. Gerade wenn etwas schiefläuft, wird das sichtbar. Dann können sehr unterschiedliche Fragen eine individuelle Bedeutung gewinnen:
Wer hat gegen eine Regel verstoßen?
Wem kann ich jetzt noch vertrauen?
Wer hatte überhaupt die Macht zu entscheiden?
Welche Annahme oder Entscheidung hat nicht zum Ergebnis geführt?
Wurden die Betroffenen ausreichend gehört?
Welche Strukturen haben dazu beigetragen, dass es überhaupt so weit kommen konnte?
Alle sprechen über Verantwortung – und hinter ihren Fragen stehen eigentlich individuelle Bedürfnisse:
Das Bedürfnis nach Ordnung.
Nach Verlässlichkeit und Sicherheit.
Nach Zugehörigkeit und Vertrauen.
Nach Einfluss und Handlungsfähigkeit.
Nach Fairness.
Nach Wirksamkeit und Verbesserung.
Oder nach einem Verständnis des größeren Zusammenhangs.
Vielleicht erklärt das auch, warum Debatten über Verantwortung so schnell zu Debatten über Schuld werden. Und hat jemand anderes die Schuld, dann bin ich ja wohl selbst frei davon.
Verantwortung und Ergebnis
Eine Frage bleibt für mich besonders schwierig.
Wenn ich eine Entscheidung treffe und das Ergebnis anders ausfällt als erwartet – wofür bin ich dann verantwortlich?
Ich neige dazu zu sagen:
Wenn die Eigentümerschaft einer Entscheidung tatsächlich bei mir lag – allein oder gemeinsam mit anderen –, dann trage ich auch Verantwortung für ihre Folgen.
Aber Verantwortung bedeutet für mich nicht automatisch Schuld.
Als Unternehmer kann ich eine gute Entscheidung treffen und trotzdem kann etwas schiefgehen.
Ich kann Informationen sorgfältig prüfen und trotzdem etwas übersehen.
Ich kann Folgen abschätzen und trotzdem kann die Wirklichkeit anders verlaufen.
Wenn mir als Unternehmer das passieren kann, kann es auch jedem Menschen in meinem Unternehmen passieren. Das durfte ich auch meinen Mitarbeitenden zugestehen. Und mir war dabei eines sehr klar – wenn ich eine Entscheidung wirklich übertragen habe und sie anschließend wieder einkassiere, weil mir das Ergebnis nicht gefällt, dann nehme ich die Eigentümerschaft wieder an mich.
Für mich liegt genau darin eine Konsequenz:
Wer Verantwortung wirklich überträgt,
muss auch aushalten können,
dass eine Entscheidung anders ausfällt,
als man selbst entschieden hätte.
Verantwortung zu übertragen bedeutet für mich deshalb auch, ein Stück Kontrolle loszulassen – ohne die eigene Verantwortung für den vereinbarten Rahmen aufzugeben.
Sonst bleibt die Entscheidung letztlich doch bei demjenigen, der jederzeit eingreifen kann. Und dann wird für mich eine andere Frage interessant: Woran zeigt sich Verantwortung, wenn eine Entscheidung getroffen ist und ihre Folgen sichtbar werden?
Kann ich erklären, warum ich entschieden habe?
Kann ich anerkennen, was meine Entscheidung ausgelöst hat?
Kann ich daraus lernen?
Und kann ich gegebenenfalls etwas korrigieren?
Verantwortung braucht Pflicht und Freiheit
Je länger ich Verantwortung in meinem Unternehmen auf diese Weise verstand und lebte, desto deutlicher wurde mir: Verantwortung lässt sich nicht einfach mit einem Satz übertragen:
„Du bist jetzt verantwortlich.“
Dieser Satz allein reicht nicht. Es braucht die Fähigkeit, eine Situation zu verstehen, genügend Wissen, um Folgen zumindest abschätzen zu können, die Freiheit, tatsächlich zwischen Alternativen zu entscheiden, sowie den Handlungsspielraum, die eigene Entscheidung auch umzusetzen.
Aber ohne Pflicht weiß Freiheit nicht, wofür sie da ist.
Ohne Freiheit kann Pflicht nicht wirklich zur eigenen Verantwortung werden.
Vielleicht gehört deshalb zur Verantwortung immer auch Macht. Nicht Macht über andere, sondern die Macht, innerhalb eines klaren Rahmens tatsächlich handeln zu können. Wer Verantwortung für den Rahmen selbst trägt, braucht darüber hinaus die Befugnis, ihn zu definieren oder mitzugestalten.
Vielleicht beginnt verantwortliches Zusammenleben dort:
Mit der Klarheit, welche Pflichten mit meiner Verantwortung verbunden sind,
mit der Freiheit zu entscheiden, wie ich ihnen nachkomme,
mit der Macht, diese Entscheidung umzusetzen,
und mit der Bereitschaft, dafür Antwort zu stehen.


